Mehr als eine Diagnosefrage
Dieses Screening betrachtet ADHS nicht nur als Diagnose, sondern nach der inneren Verarbeitung
Wie verarbeitest du Reize, Emotionen, soziale Situationen, Übergänge?
Welche Kosten entstehen, wenn du funktionierst?
Damit schließt es eine Lücke, die das aktuelle System strukturell kaum abbildet.
Vorbemerkung
Dieses Screening erhebt fünf Verarbeitungsprofile gleichzeitig: ADHS, Autismus-Spektrum (ASS), Hochsensibilität (HSP), Hochbegabung (HB) und Masking als Querdimension.
Warum alles zusammen?
- Komorbiditätsraten sind hoch: 30–80% Überlappung ADHS/ASS (Rommelse et al., 2010)
- HSP und HB werden klinisch selten erhoben, sind aber funktional hochrelevant
- Einkategoriale Diagnostik widerspricht dem transdiagnostischen Forschungsstand (Cuthbert & Insel, 2013)
- Kombinationsprofile (z.B. HSP+ADHS, ASS+HB) zeigen sich spezifisch anders als die Einzelprofile
Warum phänomenologisch statt nach ICD?
- ICD fragt: "Liegt Störung X vor?" — Defizitlogik, binär
- Dieses Tool fragt: "Wie verarbeitest du? Was kostet dich Anpassung?" — Funktionslogik, dimensional
- Standardtests untererkennen systematisch: Frauen, Erwachsene, Menschen mit hoher Kompensation (Lai et al., 2015; Hull et al., 2017)
Typische Erstdiagnosen bei Erwachsenen
Diese werden oft zuerst diagnostiziert, während das zugrundeliegende ND-Profil unerkannt bleibt. Also Symptombehandlung ohne die eigentliche Ursache zu kennen.
Depression
häufig dahinter: ADHS, ASS, HSP (Erschöpfungsdepression durch Anpassungskosten)
Generalisierte Angststörung
häufig dahinter: ASS (Unsicherheit durch fehlende Vorhersagbarkeit)
ADHS (Angst als Kompensation)
Zwangssymptome / Zwangsstörung
häufig dahinter: ASS (Vorhersagbarkeit), ADHS (Hyperfokus), HSP (Kontrollrituale), Trauma, Masking
Burnout
häufig dahinter: ASS, HSP (chronische Überlastung durch Masking)
Borderline
häufig dahinter: ADHS (emotionale Dysregulation), ASS + Masking
Bipolar
häufig dahinter: ADHS (Boom-Bust-Zyklen), HB + ADHS
Chronic Fatigue
häufig dahinter: ASS, HSP (sensorische Erschöpfung, Masking-Kosten)
Typische Herausforderungen
ADHS: Organisation, Impulssteuerung, Zeitmanagement, konsistente Leistung, Langeweile-Intoleranz
ASS: Soziale Codes lesen, Flexibilität bei Veränderungen, sensorische Überlastung, Kommunikation von Bedürfnissen
HSP: Reizüberflutung, emotionale Erschöpfung, Abgrenzung, Overcommitment
HB: Unterforderung, Perfektionismus, Einsamkeit durch Nicht-Passung, Ungeduld
Masking als eigene Dimension
Was ist Masking?
- Bewusstes oder automatisiertes Verbergen von ND-Merkmalen
- "Performance von Normalität"
- Kann soziales Überleben sichern, hat aber hohe Kosten
Warum ist Masking so wichtig?
- Erklärt Erschöpfung: Menschen erfahren zum ersten Mal, warum sie so müde sind
- Erklärt späte Erkennung: "Ich funktioniere doch" — ja, aber zu welchem Preis?
- Erklärt Testergebnisse: Standardtests messen das maskierte Erscheinungsbild, nicht das Profil
- Korreliert mit psychischen Folgen: Höheres Masking = höheres Risiko für Depression, Anxiety, Burnout (Hull et al., 2017)
Masking-Indikatoren
- Erschöpfung nach sozial "unauffälligem" Funktionieren
- Gefühl, eine Rolle zu spielen vs. "echt" zu sein
- Zusammenbruch in sicherer Umgebung (zu Hause, allein)
- Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Selbst
- "Ich wusste immer, dass etwas anders ist, aber ich konnte es nicht benennen"
Mischprofile sind die Regel, nicht die Ausnahme
ADHS + ASS (AuDHD)
- Widersprüchliche Bedürfnisse: Novelty-Seeking vs. Vorhersagbarkeit
- Pendeln zwischen Input-Suche und Rückzug
- Kann extrem produktiv sein in der richtigen Umgebung
- Hohe Erschöpfung, weil beide Systeme Ressourcen brauchen
HSP + ADHS
- Spontanes, kreatives, empathisches Profil
- Hohe Intensität in beide Richtungen: schnell begeistert, schnell überflutet
- Impulsivität trifft auf tiefe Verarbeitung = intensive emotionale Erfahrung
- Oft als "zu viel" erlebt — von sich selbst und anderen
ASS + HB
- Spezialinteressen auf hohem Niveau
- Kann in Nischen extrem erfolgreich sein
- Soziale Unsicherheit wird oft durch Kompetenz kompensiert
- Gefahr: Wird nur als "begabt" gesehen, ASS wird übersehen
HSP + ASS
- Sehr tiefe Verarbeitung + sensorische Empfindlichkeit
- Kann schwer zu unterscheiden sein: Wo endet HSP, wo beginnt ASS?
- Gemeinsam: Rückzugsbedürfnis, Überstimulation, intensive innere Welt
HB + ADHS
- "Twice Exceptional" im klassischen Sinn
- Hohe Kapazität, aber inkonsistente Leistung
- Unterforderung + Aufmerksamkeitsprobleme = Underachievement
- Oft spät erkannt, weil Kompensation funktioniert (bis sie nicht mehr funktioniert)
Vielen geht es eigentlich nicht um die Diagnosen.
Sie suchen nach Antworten auf Fragen, die sie seit Kindheitstagen begleiten, wie:
"Irgendwas ist anders – aber ich kann es nicht benennen."
Somit wäre eine ADHS-Diagnose mehr als ein Label:
Ein Rahmen, der ihr Erleben einordnen kann.
Literatur
Quellen
- Aron, E. N. (1997). The Highly Sensitive Person. Broadway Books.
- Asherson, P., et al. (2016). Adult ADHD: clinical presentation and assessment. BJPsych Advances, 22(3), 186–198.
- Cassidy, S., et al. (2018). Risk markers for suicidality in autistic adults. Molecular Autism, 9, 42.
- Cuthbert, B. N., & Insel, T. R. (2013). Toward the future of psychiatric diagnosis: the seven pillars of RDoC. BMC Medicine, 11, 126.
- Happé, F., & Frith, U. (2020). Annual Research Review: Looking back to look forward. JCPP, 61(2), 116–127.
- Hull, L., et al. (2017). "Putting on my best normal": Social camouflaging in adults with autism. JADD, 47(8), 2519–2534.
- Kopp, S., & Gillberg, C. (2011). The Autism Spectrum Screening Questionnaire (ASSQ)-Revised. Research in Developmental Disabilities, 32(6), 2875–2888.
- Lai, M. C., et al. (2015). Sex/gender differences and autism. JADD, 45(5), 1161–1173.
- Livingston, L. A., & Happé, F. (2017). Conceptualising compensation in neurodevelopmental disorders. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 80, 729–742.
- Milton, D. E. (2012). On the ontological status of autism: the 'double empathy problem'. Disability & Society, 27(6), 883–887.
- Murray, D., Lesser, M., & Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism. Autism, 9(2), 139–156.
- Quinn, P. O., & Madhoo, M. (2014). A review of attention-deficit/hyperactivity disorder in women and girls. Prim Care Companion CNS Disord, 16(3).
- Rommelse, N. N., et al. (2010). Shared heritability of attention-deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder. European Child & Adolescent Psychiatry, 19(3), 281–295.
Disclaimer
Dies ist ein funktionales Screening und ersetzt keine Diagnostik und fachliche Einschätzung.
Es ist eine Landkarte deiner Verarbeitung — die Hinweise liefern kann.
(Prototyp)