Inside Behörden

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Wer schon einmal versucht hat, von einer Institution Unterstützung zu beantragen und dabei von Stelle zu Stelle verwiesen wurde, kennt eine bestimmte Art von Ratlosigkeit.

Und zwar die, die folgende Frage aufwirft:

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Kein Schuldiger, kein Versagen im engeren Sinne, kein Moment wo man hätte eingreifen können.
Und trotzdem: Das Problem bleibt ungelöst, die Situation verschlechtert sich, mit zunehmendem Papierkram.

Dieses Phänomen lässt sich weder mit Böswilligkeit noch mit individuellem Versagen erklären. Es lässt sich mit Systemtheorie erklären.


Operative Schließung: Warum Systeme die nicht einfach lernen

Der Soziologe Niklas Luhmann fasste dieses Grundprinzip unter dem Begriff der operativen Schließung.

"Ein System, das operativ geschlossen operiert, kann seine spezifische Wahrnehmungsweise der Umwelt nicht ändern, ohne seine spezifische Identität zu verlieren." (Luhmann)


Das klingt abstrakt, beschreibt aber etwas Konkretes:
Systeme können nicht einfach entscheiden, andere Kategorien zu verwenden, ohne aufzuhören, das zu sein, was sie sind.

Ein Gericht das aufhört, nach Recht und Unrecht zu unterscheiden, ist kein Gericht mehr.



Was das für die Praxis bedeutet

Wenn jemand ein System kritisiert, verarbeitet das System diese Mitteilung mit seinen eigenen Kategorien.
Eine Beschwerde über ineffektive Behörden wird als Einzelfallvorgang klassifiziert und entsprechend bearbeitet — also mit einem Bescheid abgeschlossen, nicht mit einer Reform.


Ein Widerspruch erzeugt einen neuen Vorgang. Eine Eskalation erzeugt einen weiteren. Das System bleibt dasselbe; es hat nur mehr Vorgänge abgeschlossen. Das ist nicht Bürokratismus im kulturellen Sinne — es ist die normale Funktionsweise eines Systems, das sich durch seine eigenen Operationen reproduziert.


Autopoiesis: Systeme die sich selbst erzeugen

Damit ist das zweite Konzept berührt, das Luhmann aus der Biologie übernommen hat: Autopoiesis, ursprünglich von den chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela geprägt.

„Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren."

Auf soziale Systeme übertragen: Institutionen erzeugen durch ihre tägliche Praxis fortlaufend die Strukturen, Kategorien und Logiken, nach denen sie weiter operieren.

Eine Bildungsinstitution, die Lernerfolg als messbare Leistungsentwicklung definiert, reproduziert diese Definition mit jedem Zeugnis das sie ausstellt, mit jeder Versetzungsentscheidung, die sie trifft, mit jeder Förderempfehlung, die sie ausspricht.
Die Kategorie stabilisiert sich durch ihre eigene Anwendung. Das hat eine wichtige Konsequenz: Systeme verändern sich nicht durch Druck, weil moralischer Druck in ihrer eigenen Sprache keine Kategorie ist.
Empörung kommt im System an — und wird in eine Beschwerde übersetzt, die bearbeitet und abgeheftet wird.

Das bedeutet nicht, dass Systeme unveränderlich sind.
Luhmann hält Eingriffs- oder Steuerungsversuche eines Systems in ein anderes für grundsätzlich problematisch:
Die Wirtschaft kann von der Politik nur sehr bedingt gesteuert werden.

Aber es gibt Punkte an denen Systeme aufeinandertreffen und Übersetzung möglich ist: Rechtliche Verpflichtungen, formale Beschwerdewege, Gutachten die Realität in systemkompatible Sprache übersetzen.
Das sind die strukturellen Hebel, die tatsächlich wirken.


Was das erklärt — und was es offen lässt

Was die Theorie nicht erklärt, ist die Frage:
Was folgt daraus? Luhmann selbst war in dieser Hinsicht zurückhaltend.

Das Gesetz der Autopoiesis setzt laut Luhmann den Bemühungen einer rationalen, ethischen, gerechten Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse enge Grenzen.


Das wird nicht von allen geteilt — und ist auch nicht die einzige Schlussfolgerung, die aus dem Modell gezogen werden kann.
Zu verstehen wie Systeme funktionieren ist die Voraussetzung dafür, gezielt an den richtigen Stellen zu intervenieren.

Was das konkret für den deutschen Verwaltungsapparat bedeutet — welche Systeme mit welchen Kategorien operieren, wo die Lücken zwischen ihnen entstehen, und welche Formen der Kommunikation tatsächlich verarbeitet werden — hier entlang : [coming soon]


Quellen

  • Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.
  • Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.
  • Niklas Luhmann, Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.
  • Humberto Maturana und Francisco Varela, Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. München: Goldmann, 1990.