"Früher gab es das nicht."

"Früher gab es das nicht."
"Heute hat ja jeder was.
Früher gab es sowas nicht."
Doch. Es hieß nur anders.

Neurodivergenz ist ein Begriff des 21. Jahrhunderts.
Das Phänomen ist so alt wie die menschliche Gesellschaft.
Und nach aktuellem Forschungsstand sogar älter.

Was sich im Lauf der Geschichte verändert hat, sind nicht die Merkmale — es sind die Kategorien, mit denen Gesellschaften diese Profile beschrieben, bewertet und eingeordnet haben.

Es ist ein Schlüsselbefund mit direkten Konsequenzen für das Verständnis dessen, was Neurodivergenz überhaupt ist.

Vor ganz langer Zeit

Genetische Analysen an Neandertaler-DNA und Überresten früher Homo-sapiens-Populationen liefern Hinweise auf die Präsenz von ADHS-assoziierten Genvarianten bereits in prähistorischen Zeiträumen.
Der Anthropologe Adrian Jäggi, der am Institut für evolutionäre Medizin der Universität Zürich lehrt, arbeitet mit dem Konzept des evolutionären Mismatch: Die Idee, dass der Mensch während 95 Prozent seiner Entwicklungsgeschichte in Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften gelebt und sich optimal an diese Lebensweise angepasst hat.

In diesem Kontext sind die Eigenschaften, die heute als ADHS-Symptome diagnostiziert werden, keine Fehler.
Jäger und Sammler mussten wachsam sein, schnell reagieren und flexibel neue Nahrungsquellen erschließen.
Hyperfokus, Impulsivität, erhöhte Reizoffenheit, die Fähigkeit schnell zwischen Aufgaben zu wechseln — das sind keine Defizite in einer Umgebung, die diese Eigenschaften aktiv braucht.

Eine Studie von Ben Campbell an den Ariaal, einem kenianischen Volk mit nomadischen und sesshaften Gruppen, zeigte, dass nomadische Stämme genetische Varianten aufweisen, die Ähnlichkeiten mit denen ADHS-Betroffener haben. Die sesshaften Gruppen wiesen diese Varianten seltener auf.

Das ist kein Beleg für die Theorie im strengen wissenschaftlichen Sinne — aber es ist ein Hinweis darauf, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Umgebung und der Bewertung dieser Profile tiefer reicht als die Entstehung moderner Diagnostik.


Was sich verändert und was nicht

Was sich verändert, sind die Kategorien, mit denen Gesellschaften bestimmte Verarbeitungsweisen wahrnehmen und einordnen.
Diese Kategorien sind nicht neutral. Sie spiegeln wider, welche Verhaltensweisen ein System als funktional oder dysfunktional, als Ressource oder als Störung bewertet — und diese Bewertung hängt davon ab, was das jeweilige System gerade braucht und was es nicht tolerieren kann.

Darin liegt eine Meta-Erkenntnis, die sich durch alle Epochen zieht:

Sie fallen auf.
Nicht weil sie es wollen, sondern weil Handlungsimpulse,
ihre Gerechtigkeitssensibilität und Wahrnehmungen schwerer zu unterdrücken sind.
Sie sagen, was andere denken, aber nicht aussprechen.
Sie reagieren auf Systemfehler - früher und sichtbarer.



Antike: Das melancholische Genie

Die älteste systematische Auseinandersetzung mit dem, was heute als neurodivergentes Profil beschrieben werden könnte, findet sich in der aristotelischen Tradition.

"Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker; und zwar ein Teil von ihnen so stark, dass sie sogar von krankhaften Erscheinungen ergriffen werden?" (Schings, 1977)


Die Antwort erfolgte über die Humoralpathologie.

Aristoteles sah in der melancholischen Charakterstruktur, neben der Anlage zum Kranksein, auch eine über das normale Maß hinausgehende Anlage zur Genialität:

„In vielen Dingen überragen sie die anderen, die einen durch ihre Bildung, die anderen durch künstlerisches Können, andere durch politische Wirksamkeit."



Das ist systemtheoretisch aufschlussreich:
In einer Gesellschaft, die intellektuelle und künstlerische Leistung hoch bewertet und keine standardisierten Bildungs- oder Arbeitsprozesse kennt,
die Konformität erfordern
, erscheint dasselbe Profil als Auszeichnung.
Die Kategorie, in der es auftaucht, heißt nicht Störung.



Mittelalter und frühe Neuzeit: Sünde, Dämonie, Heiligkeit

Im Mittelalter wurde die Melancholie als Mönchskrankheit bekannt und dem Konzept der Acedia verwandt —

"einem Zustand geistiger Trägheit und Unlust, der als Sünde oder dämonische Versuchung interpretiert wurde."

Dieselben, die die Antike als außergewöhnlich beschrieben hatte, wurden nun in eine dämonisierende Kategorie übersetzt.
Die Neurostrukturen hatten sich nicht verändert — der gesellschaftliche Kontext war es, der die neue Brille mitbrachte, mit der man draufschaute.

Gleichzeitig existierte im Mittelalter eine Gegentradition: Der Narr als institutionalisierte Figur.
Der Hofnarr durfte sagen, was andere nicht sagen durften — er war außerhalb der sozialen Norm positioniert, als erlaubte Ausnahme.
Gesellschaften haben immer Rollen für Profile entwickelt, die außerhalb der Norm lagen. Manchmal war diese Rolle ehrenvoll, manchmal stigmatisierend, manchmal beides gleichzeitig.

Industrialisierung: Standards

Der entscheidende Wandel in der Bewertung neurodivergenter Profile ereignet sich nicht in der Antike oder im Mittelalter, sondern im 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung schuf erstmals massenhafte standardisierte Arbeitsprozesse, die präzise Anforderungen an Aufmerksamkeit, Rhythmus, Unterordnung und Konformität stellten. Kurz danach folgte die allgemeine Schulpflicht, die denselben Anforderungen auf das Bildungssystem übertrug.

Beide Systeme setzten geltende Normen fest und erzeugen damit erstmals systematisch eine Kategorie des Abweichenden.
Das ist der Moment, in dem aus dem melancholischen Genie der schlechte Schüler wird.



Übertragung

Was in diesen Epochen weitgehend fehlt, ist das unbewusste Camouflaging, das heute einen Großteil neurodivergenter Menschen unsichtbar macht.

Masking — die erlernten Strategien, die eigene Andersartigkeit zu verbergen —
entwickelt sich erst in sozialen Kontexten,
die Konformität systematisch belohnen
und Abweichung systematisch bestrafen.

Masking.
- erlernte Strategien, um die äußere Erwartungen erfüllen
- entwickelt sich erst in sozialen Kontexten, die Konformität systematisch belohnen und Abweichung systematisch stigmatisieren.

Wo die Anforderungen weniger starr sind, ist auch weniger Anpassung nötig.
Das erklärt, warum historische Quellen die Muster so klar beschreiben: Weil die Personen, über die sie schreiben, sich nicht versteckten.

Luhmann hat das als die Unterscheidung von Beobachtung und Beobachtetem beschrieben:

Ein System sieht nicht die Wirklichkeit, es sieht die Wirklichkeit durch seine eigenen Unterscheidungen.


Was als Störung erscheint, ist nicht Störung an sich — es ist Störung aus der Perspektive eines Systems mit bestimmten Leistungserwartungen.

Takeaway

Die Aussage „Früher gab es das nicht“ ist richtig und falsch zugleich.
Richtig ist: Der heutige Begriff existierte früher nicht — und damit auch nicht die Diagnosekategorie oder der institutionelle Umgang, der an diesen Begriff gebunden ist.

Falsch ist: Dass es das Phänomen nicht gegeben hätte.
Es war immer da. Menschen haben immer so gefühlt, gedacht, reagiert, gelebt.

Was sich verändert hat, ist nicht das Erleben, sondern die Sprache, die Sichtbarkeit und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit.
Früher wurde dasselbe Verhalten je nach Kontext anders interpretiert, moralisiert, oder unsichtbar gemacht.

Der Satz „Früher gab es das nicht“ ist deshalb selten eine neutrale Beobachtung.
Oft ist er eine Reaktion darauf, dass gewohnte Normen hinterfragt werden, dass bisher marginalisierte Gruppen sichtbar werden und dass ihre Sichtbarkeit bestehende Strukturen verschiebt — ähnlich wie bei anderen Gruppen, die plötzlich Rechte einfordern, die ihnen immer zugestanden hätten.


Quellen:

  • Pseudo-Aristoteles (Theophrast), Problemata Physica XXX, 1, in: Aristoteles, Problemata Physica, übersetzt von Hellmut Flashar, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1962.
  • Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl, Saturn and Melancholy. Studies in the History of Natural Philosophy, Religion and Art, London: Nelson, 1964.
  • Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

https://www.neurospektrum-praxis.de/wissenswertes/ad-h-s/adhs-als-evolutionaerer-vorteil

http://ads-muenster.de/2024/09/20/adhs-ein-evolutionaerer-vorteil-neue-studie-ueberrascht

https://www.nzz.ch/wissenschaft/kinder-mit-adhs-sind-sie-in-evolutionaere-falle-geraten-ld.1837867

https://www.adhspedia.de/wiki/ADHS_als_genetische_Normvariante

https://psychoanalyse-ebner.de/pdf/Das_Subjekt_unter_Anlage.pdf